Falsche Frage: „Sind menschliche Texte bald die Rolex des Geistes?“ (6.8.2025, faz.net). Die Rolex ist nur „for the happy few“, während gute menschliche Texte allen Menschen zugänglich sein sollten. Ja, es gibt Texte, die sind sehr viel wertvoller als eine Uhr aus dem Segment für Superreiche. Aber werthaltig und sinnvoll sollten auch die Texte sein, die jeden Tag unseren Alltag begleiten – Schulbücher, Lexika, Kinderbücher und so weiter.
Mag sein, dass die Uhrmacher dieser Luxus-Ausstattungsmerkmale in Genf echte Genies auf ihrem Gebiet sind, aber das wird nur für eine kleine Nische reichen. Ähnlich verhält es sich mit Edelfedern wie Roger Willemsen und Susan Sontag, die für ihre hochintellektuellen und kulturell wertvollen Arbeiten ihr Publikum finden. Aber das hat rein gar nichts mit den 95 Prozent der Menschen zu tun, die mehr oder weniger durchschnittlich begabt sind und in der Arbeitswelt um ihr Überleben immer wieder neu kämpfen müssen. Was für Textarbeiter, Schreiberlinge, Ghost Writer und sonstige Kopfartisten auch gilt – die immaterielle Leistung steht zur Disposition!
Wir sollten aufhören, uns gegenseitig etwas vorzumachen. Dieses laute Pfeifen im düsteren Wald kaschiert nur die Angst vor den dramatischen strukturellen Veränderungen, die diese Welt gerade erlebt. Je eher wir uns mit der Radikalität des Wandels „anfreunden“, desto eher können wir gegensteuern und die eine oder andere Verwerfung abfedern.
In NRW sind demnächst Kommunalwahlen und so begegnen einem an jeder Ecke Plakate, mit denen die Parteien um Wählerstimmen buhlen. Für die Menschen, die gewählt werden wollen, geht es um viel. Sie wollen ihre Mandate behalten, während der politische Gegner sie ihnen abnehmen will. Und ich hoffe, dass es auch um Überzeugungen geht! Das, was ich an Botschaften an Laternenmasten sehe und im Briefkasten an Parteienwerbung finde, ist grottenschlecht! Es sind Texte und Claims, für die sich eine KI schämen würde (wenn Gefühle demnächst zum Repertoire gehören). Hier ist eigentlich nicht die Frage, ob ein KI-Einsatz verbessert oder verschlimmbessert, sondern vielmehr die Frage nach unseren eigenen kreativ-intellektuellen und sozial-kulturellen Dimensionen des individuellen und gemeinschaftlichen Daseins. Ein Text ist ja nicht nur eine sprachliche Form, die ihren wertigen Inhalt schmückt, sondern das Elaborat von Geist und Sprache.
Dringend unterlassen sollten wir, die Entwicklungen der Zukunft mit unseren Erfahrungen aus der Vergangenheit zu beurteilen und damit häufig auch schönzureden. Unsere sogenannten „gesicherten Erkenntnisse“ stammen aus einer anderen Zeit mit anderen Paradigmen und eignen sich nicht für die Zukunftsgestaltung. Diese Zukunft wird extrem polarisieren und unsere Anpassungsfähigkeit aufs Äußerste herausfordern!
Statt im Dunklen laut zu pfeifen, sollten wir das Licht anmachen und sehen, welche neue Welt sich vor unseren Augen auftut.

