Zukunft findet nicht im Zoo statt

Böse Zungen könnten behaupten, dass die beiden Hauptstädte Paris und Berlin in zwei unterschiedlichen Zeitzonen – jedenfalls politisch – liegen. Paris ist schon ein paar Zeittakte weiter, weil es für seine Wirtschaftsförderung Prioritäten formuliert und ein Zukunftskonzept hat. Während man sich in Berlin mehr mit sich selbst – in Form gegenseitiger Schuldzuweisungen – beschäftigt und immer noch keinen Entwurf, geschweige denn einen Plan zur gesellschaftlichen Neuausrichtung hat. 

Dabei steht doch gerade jetzt unser aller Zukunft zur Disposition. In einem Interview zu Zukunftsszenarien im Kontext der KI-Entwicklung bemerkte die dänische Futuristin Sofie Hvitved treffend: „Einige Menschen entwickeln sich auf die nächste Stufe weiter. Andere haben noch gar nicht bemerkt, dass dieser Wandel bereits stattfindet.“ Wir müssen lernen, politisch der Zeit voraus zu sein, statt ihr hinterher zu laufen. Denn: „Wer auf Gewissheit wartet, wird Schwierigkeiten haben“, so die Headline des Interviews (31.5.2026, handelsblatt.com).

Nun geht es nicht darum, die große Linie der französischen Politik zu verklären. Auch hier gibt es genug Kritik. Beispiel: „Macron kann zwar Investoren begeistern, aber als Reformer ist er gescheitert“ (5.6.2026, sueddeutsche.de). Das mag stimmen, aber Merkel und Scholz haben sich leider dabei auch keine Meriten erworben. Und dass Merz als der große Reformer in die Geschichtsbücher eingehen wird, erscheint derzeit höchst unwahrscheinlich. 

Bemerkenswert ist dennoch, dass derzeit in Berlin die Beharrungskräfte offenbar die Oberhand haben, während andere zumindest an einigen wesentlichen Stellen in die Zukunft schreiten – durchaus auch mit dem Risiko des Scheiterns. 

Vielleicht muss man sich mental (und praktisch) viel mehr darauf einstellen, dass Gegenwart ganz schnell zur Geschichte wird und wir nicht die Illusion haben dürfen, in aller Ruhe die Zukunft zu durchdenken. Zukunft wird von vielen wie ein Besuch im Zoo gehandhabt: Man schaut sich die verschiedensten Arten (unsere potenziellen Zukünfte) an und geht belustigt wieder nach Hause.  

Zukunft ist aber kein Besuch im Zoo, sondern ein von Menschen gemachter Zyklus. Je größer der Wunsch und die Notwendigkeit sind, in das „Schicksal“ dieses Zyklus einzugreifen, desto flexibler müssen sowohl Gestalter als auch Gestaltung sein. Diese Form multipler Flexibilität drückt sich beispielsweise in Denk- und Handlungsweisen und in Budgetierung und Bürokratie aus. Hier zu wenig flexibel, dort zu viel fixiert kann eine ganze Gesellschaft blockieren. 

Wenn wir akzeptieren, dass Zukunft nicht im Zoo, sondern auf freier Wildbahn stattfindet, dann wissen wir auch, dass es sowohl einen Plan braucht als auch extreme Wachsamkeit und Sensorik für plötzlich auftretende Bedrohungen. Schläfrigkeit und Bräsigkeit können wir uns nicht mehr leisten, sonst sinken die Überlebenschancen. Das ist nicht nur eine Metapher, sondern leider ganz real …

Für zuviele Menschen ist Zukunftsgestaltung wie ein Besuch im Zoo – man schaut sich gerne zur Unterhaltung die Exotik an, geht aber anschließend wieder in die eigene Komfortzone.