Quo vadis, Futurum?

Früher wären sie nicht als Testspiel-Gegner akzeptiert worden. Jetzt spielt Usbekistan sogar gegen Portugal in einer Gruppe der Fußball-Weltmeisterschaft 2026. Als beide Teams aufeinandertrafen, waren wir auf dem Weg zu einem Theaterstück von Elfriede Jelinek. Titel „Am Königsweg / Endsieg“. So wie Usbekistan im Fußball gegen den Favoriten sang- und klanglos unterging, verlor im Schauspiel auch die Welt gegen den vermeintlich Stärkeren – die USA unter Trump. Elfriede Jelineks Melange aus Wortspiel und Weltuntergang begeistert, obwohl die Realität inzwischen in ihrer Brutalität die Fantasie übertrifft. Eine solche Asymmetrie zwischen Entwicklungsgeschwindigkeit und kognitiver Verarbeitung überfordert viele – gerade uns Wellness-Europäer in der Antizipation der möglichen Katastrophen für unser Dasein. Nicht umsonst sind die meisten Deutschen für Reformen, wenn diese sie nicht selbst betreffen. Unser Bewusstsein ist in der Vergangenheit stecken geblieben und unsere Mentalität auch. Warum auch nicht? Selbst Alt-Ikone Ronaldo schafft bei Portugal weiter seine Tore – 5:0 hieß es am Ende!

Einen Tag vor dem Schau- und Fußballspiel haben wir uns die zweiteilige Dokumentation „America, who are you?“ angeschaut. Der sehr gut gemachte Zweiteiler beleuchtet die Mentalitätsgeschichte der USA. Der Zuschauer versteht die politische Gegenwart abgeleitet aus amerikanischer Historie sehr viel besser, weil vieles in einen Zusammenhang gebracht wird. Aber reicht die Analyse der Historie für Zukunftspolitik? Wo ist das Fenster, das einen Blick aus dem Panoptikum der Gegenwart in die Zukunft freigibt? Sind nicht viele der Handlungsannahmen trügerisch, weil sie Vergangenheit verklären? Vielleicht wurde genau aus diesem Grund der Iran-Krieg begonnen. Mag sein, dass große Teile des amerikanischen Volkes weiter an ihre Überlegenheit glauben. Aber aktuell scheint offenbar der Iran die besseren Karten zu haben. Die USA wären gut beraten, wenn sie weniger dealen, stattdessen an einem neuen Design ihrer Gesellschaft arbeiten würden. Quo vadis, Futurum?

Wir brauchen mehr Antizipation von Zukünften, sonst wird uns die normative Kraft des Faktischen überrollen, und zwar immer schneller und erbarmungsloser. Sicherlich ist nicht einem ahistorischen Dasein das Wort zu reden, aber ich frage mich immer öfter, ob Lehren aus der Vergangenheit überhaupt noch reichen, um die Relevanzen der Zukünfte zu bewerten. „Aus der Vergangenheit kann jeder lernen. Heute kommt es darauf an, aus der Zukunft zu lernen“. So kein Geringerer als Herman Kahn (1922-1983), amerikanischer Futurologe und Stratege. 

Unstrittig ist, dass wir in Deutschland tiefgreifende Reformen brauchen. Sinnvoll wäre, dass wir erst Bilder einer zukünftigen Gesellschaft und ihrer Werte entwerfen, um dann die Reformen daraus abzuleiten. Während Fußball ein begrenztes Ergebnisspiel ist, ist Zukunft das offene Spiel der Prozesse. 

Zukunft kann verpfiffen, aber nicht abgepfiffen werden!

Nachdenken über das passiert, über das, was nicht passiert und über das, was passieren muss – die Rhetorik des Grübelns.