Das Schöne am Leben eines Rentners ist das „rücksichtslose Denken“ in der Sache. Ein Privileg, das unser Bundeskanzler nicht hat. Denn der muss auf seine Partei, die Koalition und Volkes Stimme Rücksicht nehmen. Umso verwunderlicher, dass Friedrich Merz einen Minister entließ, der – so der frühere Bundeskanzleramtsminister Peter Altmaier – „erfahren, fleißig und nett“ sein Amt ausfüllte. Die Rede ist von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder. Vermutlich wurde dieser entlassen, weil er „nicht durchsetzungsstark, innovativ, effizient und erfolgreich“ war – siehe „Merz, das große Mimimi in der CDU und wir“ (2.8.2026, faz.net). Sicher sind drei Adjektive nicht ausreichend, um die Leistung eines Menschen zu beschreiben. Aber klar ist auch, dass die Welt sich dramatisch verändert (hat) und es weit mehr braucht, als die altbekannten deutschen Tugenden – Mittelmaß ist zu wenig!
Aber wie lässt sich das höhere Level erreichen? Hierzu fielen mir die Aussagen des amerikanischen Innovationstheoretikers John Nosta auf. „Für Nosta entsteht Innovation durch ungewöhnliche Menschen, die bereit sind, anders zu denken.“ Dagegen befürchtet Nosta, dass die Möglichkeiten der KI uns denkfaul werden lassen und dadurch Originalität verloren geht, weil Menschen beginnen, sich „in denselben Denkmustern“ zu bewegen. Nachzulesen in „KI kann perfekte Texte liefern – aber auch die ´Mittelmäßigkeit´ befördern“ (25.7.2026, businessinsider.de). Mein Verdacht ist, dass unsere Gesellschaft eine 08/15-Kreativität als Exzellenz (miss-)versteht.
Die Gefahr sieht auch der Philosoph Peter Sloterdijk: „Man muss darauf gefasst sein, dass das Mittelmaß dank der Mitwirkung artifizieller Hilfen auf beachtliche Höhen steigen wird.“ Er geht sogar noch einen Schritt weiter und glaubt: „Alles, was nachgeahmt werden kann, wird nachgeahmt werden.“ Sloterdijk sieht uns im „Zeitalter der universellen Parodie“. Wenn ich unsere auf Reproduktion von Wissen angelegte Bildungspolitik sehe, gehen bei mir die Alarmglocken an. Auch unsere Umweltpolitik scheint die dramatischen Probleme zu verharmlosen.
Mittelmäßigkeit – das Opium aus dem Kaugummi-Automaten einer unterambitionierten Gesellschaft? Ich will es nicht hoffen. Aber wer immer noch „Business and Politics as usual“ betreibt, lässt sich von der Vergangenheit einlullen. Wenn Friedrich Merz tatsächlich Geschichte schreiben will und ihm nicht das traurige Schicksal eines Olaf Scholz widerfahren soll, sollte er rücksichtsloser denken. Gemeint ist eine Abkehr von der Klientelpolitik, die am Ende durch faule Kompromisse auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner eingekocht wird und keinem hilft. Einer Wirtschaft, die an Strukturen von gestern hängt, wird durch Subventionen das Siechtum verlängert. Damit Privilegien nicht zum Programm werden, müssen gesellschaftliche Konstrukte neu verhandelt werden.
Die Mittelmäßigkeit darf sich nicht wie Mehltau über die Gesellschaft legen. Originäre Kreativität braucht Mehrheiten!

