Was sich wie die Beschreibung Deutschlands Suizid auf Raten liest, ist die Headline einer umfangreichen Analyse der degressiven Entwicklung unseres „Wirtschaftswunderlands“: „10 000 Arbeitsplätze verliert Deutschland jeden Monat.“ (26.6.2026, sueddeutsche.de) Ja, man muss entweder völlig abgestumpft oder deutlich masochistisch veranlagt sein, um diesen detailreichen Artikel bis zum Ende lesen zu wollen. Recherchiert, geschrieben und visualisiert ist dieser ganz offenbar von Real-Sadisten. Vielleicht wollen sie bewusst bei den LeserInnen heftigen Schmerz erzeugen und so Katastrophenalarm auslösen. Mir kommt es vor, als ob wir wie verstörte BeobachterInnen am Ufer stehen und zusehen müssen, wie das deutsche Party-Boot fröhlich, aber blindlings auf ein Schiff der chinesischen Kriegsmarine zufährt und untergeht.
Ja, ich weiß schon! Solche Vergleiche treffen die Wirklichkeit nie umfänglich. Und in Deutschland ist man noch nie wirklich entspannt und fröhlich gewesen. Aber die Metapher des Kriegsschiffes erscheint mir doch sehr zutreffend. Es ist ein Wirtschaftskrieg, den China gegen Deutschland respektive Europa führt.
Beim Schreiben dieses Textes quält mich der nächste Real-Sadist: „Raus aus Deutschland – bis zu 100.000 Jobs sind in Gefahr“ (29.6.2026, handelsblatt.com). Was in diesem Artikel an Ursachen für den Exodus gelistet wird, ist nicht wirklich überraschend: „Getrieben wird der Wandel von neuen geopolitischen Risiken, Wachstumsprognosen und Nachteilen im Heimatmarkt.“ Ich komme mit Denken und Schreiben gar nicht hinterher! Was mich immer mehr irritiert, ist diese dumpfe Apathie und dieses stoische Phlegma unserer Gesellschaft, deren größtes Problem die Verteuerungen ihrer Sommerurlaube zu sein scheint. Nicht anders in der Politik, die sehnlichst auf die Sommerpause wartet. Jedenfalls geht mein volkswirtschaftlich denkender Arsch auf Grundeis (Sorry wegen der unakademischen Formulierung). Ja, ich frage mich, warum unsere Gesellschaft nicht angesichts des wirtschaftlichen Niedergangs in kollektive Unruhe ausbricht?!
Auch frage ich mich, warum wir immer noch auf die Ideen der PolitikerInnen warten, anstatt von unten zu initiieren? Es gibt in Deutschland eine Vielzahl an Hochschulinstituten, privaten Think Tanks, Consultingfirmen, Verbänden, NGOs usw., die eigentlich schon aus Selbstschutz ein großes Interesse haben müssten, dass diese Volkswirtschaft ihre Leistungsfähigkeit erhält. Warum? Damit sie selbst am Leben bleiben! Was ich mir wünsche, ist, dass von unten (Graswurzelbewegung) viel mehr Ideen, Konzepte, Entwürfe, Designs zur Erneuerung unserer Wirtschaft und damit unserer Gesellschaft entstehen. Einfach ohne Mandat aufgrund der zivilgesellschaftlichen Verantwortung. So ließe sich der Druck im Kessel der Politik erhöhen und konstruktive Beiträge zur Erneuerung der Gesellschaft leisten.
Ich denke, es ist 5 vor 12! Auch wenn ich schon wieder die Stimmen höre, die alles abwimmeln, schönreden und vertagen …

