Sie strapazierte meine Geduld! Immer wieder fragte meine Schwester, was ich denn konkret mit meiner Forderung meine, dass unsere PolitikerInnen kreativer sein müssen, wenn sie Innovationen in der Politik realisieren wollen. Meine Antworten schienen sie nicht zu überzeugen, vielleicht aber diese beiden Beispiele: Kreativität in der Politik zeigt sich meines Erachtens sicher nicht im verzweifelten „Mehr desselben“, wenn etwa der neue Verkehrsminister die Flüsse, die ohnehin zu wenig Wasser führen, tiefer ausbaggern lassen will. Kreativität zeigt schon eher die geplante staatliche Frühstartrente für Kinder, die flexibel auf sich ändernde Grundannahmen der Gesellschaft reagiert: Demografische Verschiebungen brauchen Antizipation und variable Konzepte. Genauso wie die Veränderungen in der Umwelt.
Natürlich ist auch eine ad hoc-Kreativität berechtigt, die den Menschen hilft, ihre akuten praktischen Probleme im Alltag zu lösen. So verfügen z.B. Projektmanager und Handwerker über viele Tricks, die pragmatisch zu Lösungen werden. Aber das meine ich nicht, wenn ich von Kreativität im Kontext von Politik spreche. Gemeint ist eine Kreativität, die in Richtung Utopie geht und zeigt, dass es die Option auf ein besseres Leben in einer besseren Gesellschaft geben kann. Kreativität als Access-Strategie in eine neue Welt, die sich nicht von den jeweiligen Sachzwängen erpressen lässt. Voraussetzung ist eine antizipierende Problemlösungskompetenz für komplexe Situationen, die eine Gesellschaft langfristig herausfordern. Diese Kreativität ist das Gegenteil von aktionistischen Schnellschüssen, die als Politik verkauft werden, aber eigentlich nur Problemlagen umschichten, statt Zukunftsentwürfe zu skizzieren.
Was ist Kreativität? Kreativität nutzt die unendlichen Möglichkeiten des Nachdenkens, um zum Vordenken über genauso unendliche Möglichkeiten zu kommen. Dieses Verständnis kreativer Politik lässt sich als die planerische Flexibilität für Entwicklungspotenziale wünschenswerter Zukünfte verstehen. Das ist das, was unserer in der Vergangenheit verfangenen Gegenwart fehlt: hoffnungsfrohe, gelingende Vorausschau. Man kann das auch als Vision oder „Big Picture“ bezeichnen. Genau aber das scheint der demokratischen Praxis in unserer Gesellschaft zu fehlen, denn andernfalls wäre sie gegenüber ihren Feinden souveräner.
Kreativität, das internalisierte Bestreben nach dauernder Verbesserung, braucht allerdings einen Kompass. Ohne einen solchen Richtungsanzeiger tritt bei PolitikerInnen eine gewisse Leidenschaftslosigkeit ein und oft spüren sie selbst die Austauschbarkeit ihrer Positionen. Es braucht ein Wertesystem, dessen Verbindlichkeit eine aktionistische politische Agenda verhindert. Frei nach Kant: Kreativität ohne Werte ist beliebig, Werte ohne Kreativität sind wirkungslos.
Kreative PolitikerInnen sind MöglichkeitsmacherInnen von Zukünften, die durch antizipierendes und Varianz-erzeugendes Denken die Fesseln der Sachzwänge sprengen.
Meine Schwester hat mich zum Nachdenken gebracht, vielleicht schaffe ich es ja bei anderen Menschen …

Ungewolltes Negativ-Beispiel unseres neuen Verkehrsministers – die Flüsse auszubaggern, wenn das Wasser fehlt. Es nicht kreativ, Probleme durch neue Probleme lösen zu wollen. Klüger wäre es gewesen, wenn man frühzeitig den Güterverkehr nicht über die Straße, sondern vermehrt auch über die Schiene transportiert hätte. Und wirklich vorausschauend wäre es, wenn man frühzeitig den Klimawandel respektiert und daraus die folgerichtigen Konsequenzen akzeptiert und eingeleitet hätte.
