Ja, es stockt einem der Atem! Die AfD liegt in den Umfragen knapp unter 30 Prozent. Und das kann sich für Deutschland zu einer veritablen Lungenentzündung entwickeln. Schmerzhaft! Warum, frage ich mich, treiben 30 Prozent der Befragten die anderen über 70 Prozent wie Lämmer vor sich her? Gibt es in dieser großen Gruppe keine Menschen mehr mit Ideen und Idealen, mit Charisma und politischen Konzepten, die wieder die Pace im demokratischen Wettrennen um die Zukunft unseres Landes machen? Warum lässt sich eine Gesellschaft mit 84 Mio. Menschen eine Diskussion aufzwingen, die von einer Partei bestimmt wird, die minimal mehr Mitglieder (rund 73.000) als die abgestürzte FDP (knapp 70.000) hat? Sind die 70 Prozent der Wahlberechtigten nur noch mit sich selbst beschäftigt und kriegen nicht mit, was in der Welt passiert? Es brennt – nicht nur in den Fernsehbildern, sondern im eigenen Vorgarten.
Ja, auch ich bin mit der Arbeit der etablierten Parteien unglücklich. Es stimmt mich sehr nachdenklich, dass sich die ehemaligen Volksparteien gerade von innen heraus selbst zerfleischen. Und es macht mich wütend, dass sich die Parteien dies in einer Situation gönnen, in der die Demokratie ihren größten Stresstest erlebt. Was denken sich ihre Mitglieder eigentlich? Dass die AfD so stark ist, hat auch viel mit der Selbstbeschäftigung der Alt-Parteien zu tun.
Ja, Deutschland braucht strukturelle Reformen. Aber offenbar braucht es auch eine mentale Revolution in den Köpfen, um zu begreifen, dass Apathie der Einzelnen zum Tod der Gesellschaft führt. Mir geht es nicht um selbstbefriedigende akademische Betrachtungen, sondern um schlichten Pragmatismus – kriegt den Arsch und den Kopf wieder hoch, sonst ist Schicht mit dem schönen Leben in Freiheit und Wohlstand.
Ja, das Bauhaus-Manifest, das die gesellschaftlichen Meriten einer deutschen Kultur-Ikone schützen soll, ist gut. Aber die AfD ist seit gut zwei Jahren an dem Thema dran und betreibt hier Kultur-Abbau. Was ich damit sagen will? In den letzten zwei Jahren hätte viel passieren können und müssen, um die demokratischen Grenzüberschreitungen zu stoppen. Wenn die Köpfe in unseren Institutionen nicht schneller registrieren und darauf reagieren, dass sich Kräfte mit rhetorischen Abrissbirnen an unser gesellschaftliches Fundament machen, dann kann es schnell zu spät sein.
Ja, ich habe schlechte Laune. Im Kontext des neuen Technologiezentrums Drohnensicherheit habe ich in einer der großen Zeitungen den Begriff „German Geschwindigkeit“ gelesen – pejorativ konnotiert, weil wir mal wieder hinterherhinken. Ob das an den weißen Sneakern liegt, die gerade so in Mode sind?
Nein, ich bin nicht hoffnungslos. Aber ich denke, uns rennt die Zeit davon. Ich vertraue darauf, dass ein 84 Mio.-Volk progressives Potenzial hat, das den mentalen Mehltau unserer Gesellschaft aufreißt und wieder Verantwortung und Vertrauen zur Prämisse unseres Gemeinwohls macht. Dann kriegen Manifeste auch wieder ihre Bedeutung …

