Deutschland und Kreativität – eine Geschichte der Missverständnisse oder eine Tragödie der Missverhältnisse? Wenn ich für das Lesen eines jeden Elaborats, das die steigende Bedeutung der Kreativität für unsere Gesellschaft respektive Wirtschaft gefeiert hat, einen Blumentopf bekommen hätte, würde ich heute einen florierenden Blumenhandel betreiben. So aber bleibt mir nur die Erkenntnis, dass es eine Medienwirklichkeit und eine Lebensrealität gibt, die nicht identisch sind. Anders ist die bundesrepublikanische Fantasielosigkeit unserer Gesellschaft nicht zu erklären.
Als Mitte der 1990er Jahre der Begriff der Kreativwirtschaft aufkam und große Aufmerksamkeit erhielt, dachte auch ich, dass ab jetzt eine Konjunktur der Kreativität beginnt. Na ja, viel heiße Luft wurde seitdem produziert, aber unsere wirtschaftliche Substanz wurde nur poliert und optimiert, nicht systemisch erneuert. Inzwischen muss man sogar konstatieren: Deutschland gehen die großen Ideen aus! Und wir werden mit mindestens so guten oder auch besseren Produkten der Wettbewerber konfrontiert.
Die Kreativität kann eine wundervolle Liebhaberin sein – nur scheinen die potenziellen Liebhaber immer weniger zu werden. Kreativität braucht einen Partner auf Augenhöhe, der in ihr nicht nur die praktischen Seiten sieht. Sondern vor allem erkennt, dass sie dem gemeinsamen Leben eine neue und bessere Qualität geben kann. In einer Marktwirtschaft ist Kreativität praktisch, weil es die Produkte durch Innovation differenziert. Was man aber der Kreativität – mit steigendem wirtschaftlichen Erfolg – sukzessive genommen hat, ist ihre Freiheit. Kreativität durfte im Reservat der Kunst ausgelebt werden, aber ansonsten hatte sie nützlich zu sein. Ihre selbstgefälligen Liebhaber zeigten sich in Sonntagsreden gönnerhaft, wenn sie die Kreativität als essenzielle Ressource für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft betonten. Am deutlichsten zu sehen beim Hype um Design Thinking. Man weiß, dass derartige Techniken zwar brauchbar, aber kein garantierter Ersatz für eine kollektive Intentionalität der Erneuerung sind. Solange diese fehlt, wird strukturelle Sinnlosigkeit betrieben.
Was wir dringend in Deutschland brauchen, ist eine Diskussion über die Rezeption von Kreativität, also über den Umgang mit neuen Ideen, fremden Gedanken und ungewöhnlichen Entwürfen. Warum? Weil aktuell jede Äußerung (und seine Autoren) zu Optionen der Erneuerung niedergeschrien, bestenfalls totgeschwiegen werden. Wer eine so zerrüttete Beziehung retten will, muss einerseits verstehen, was er verliert, und andererseits sich seiner Liebe zur Zukunft wieder bewusstwerden.
Kreativität eröffnet Möglichkeitsräume. Gefragt sind hier neue Formen emanzipatorischer Partizipation der Erneuerung, die auf organisationaler Kreativität beruht. Auch wenn dieserart Fantasien unscharf, fluid und dynamisch sind, werden sie durch soziale Prozesse emotional reif und umsetzungsfähig. Neue Liebhaber braucht das Land!

