Was, das soll alles sein, was unsere Politik so draufhat? Man sieht ihnen die große Erleichterung bei der Gesundheitsreform an, aber ein Befreiungsschlag geht anders. Selbst Herr Linnemann, seines Zeichens CDU-Generalsekretär, glaubt nicht daran. Sonst würde er nicht mit dem Ausspruch „Es reicht nicht“ zitiert („Deprimiert oder schon depressiv“, 30.4.2026 sueddeutsche.de). Und wenn ich lese „So will die Regierung Deutschland reformieren“ (28.4.2026 faz.net), kann ich kein „Big Picture“ erkennen.
Dabei bin ich immer tiefer davon überzeugt, dass wir ein „Big Picture“ brauchen, um Reformen zu entwickeln, die Deutschland tatsächlich wieder auf die Erfolgsspur bringen. Ansonsten fürchte ich, dass man an einem Oldtimer aufwändig herum schraubt und repariert, der am Ende eben doch nur eine Erinnerung an „Die guten alten Zeiten“ bleibt. Wenn wir nicht zu einer Hinterhof-Hobby-Werkstatt werden wollen, braucht es den Plan, der die strukturellen geopolitischen und damit auch geoökonomischen Veränderungen zu einem Gesamtbild zusammenfügt – um daraus eine „Roadmap der Reformen“ zu entwickeln.
Wir sind in unserer Einstellung gegenüber der Zukunft nicht kreativ genug. Es wird politisch nur auf Sicht gefahren und dabei jedes Risiko minimiert. Signifikant finde ich in diesem Kontext den Zustand unser Bildungssystem. Es ist nicht sozial im Sinne der Durchlässigkeit, dafür ist es rückständig und abgehängt. Ist inzwischen alles egal?
Echte Reformen sind nicht nur machtpolitisch induziert, sondern systemisch durchdacht. Die Bundesregierung muss Wirtschaft und Arbeit stärker verzahnt betrachten und steuern! Es müssen Vernetzungen und Abhängigkeiten, Konsequenzen und sogar Kollateralschäden aufgezeigt und mitgedacht werden. Wir alle wissen, dass sich die Autoindustrie nachhaltig verändern wird. VW allein hat eine Überproduktionskapazität von einer Million Autos jährlich. Damit ist klar, dass es nach der Sanierung einen anderen Konzern geben muss – kleiner, effektiver, effizienter. Ganz unweigerlich wird das zusätzlich die Wirtschaft in ihrer jetzigen Form erheblich verändern. Das fängt bei den Zulieferern an und hört nicht bei der Agentur für Arbeit auf. Nicht nur der Arbeitsmarkt wird sich verändern, sondern auch die Arbeit selbst – KI ist nur ein Treiber. Und wenn sich der Faktor Arbeit in der Gesellschaft ändert, wird das das gesamte Gesellschaftssystem bewegen und beeinflussen.
Der Begriff Innovation muss breiter und nicht nur absatzpolitisch betrachtet werden. Es braucht ein gesellschaftliches Ökosystem, das schon selbst innovativ ist. Wir dürfen uns nicht länger darauf verlassen, dass Innovation allein Sache der Wirtschaft ist. Wer eine innovative Wirtschaft will, der braucht eine kreative Politik und eine zukunftsorientierte Gesellschaft. Natürlich muss analysiert, aber auch antiziert und interpretiert werden. Zukunft muss vorgedacht, nicht nachgemacht werden!
Wollen wir das? Können wir das? Ich denke, ja …

