Gegen die Apologeten einer vergangenen Zeit

An einem Hildesheimer Gymnasium fand ich ein Mural mit dem Sinnspruch: „Es kommt nicht darauf an, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, sondern mit den Augen die Tür zu finden.“ Das Zitat stammt von Werner von Siemens (1816-1892), der bei Hannover geboren wurde und einer der Gründer von Siemens war. Ich war berührt davon, dass diese Weisheit von jungen Menschen goutiert wird. Chapeau! 

Immer häufiger denke ich, dass Deutschland vor einer Gabelung steht und sich entscheiden muss, in welche Richtung es künftig fahren will. Eigentlich möchten wir gar nicht entscheiden. Eigentlich wollen wir, dass es so weiter geht wie bisher. Aber dieser Weg geht nicht weiter – er endet hier. Ehe man mit Vollgas in die eine oder andere Richtung rast, wäre ein kritisch-reflektiertes Nachdenken mit offenem Diskurs angebracht. Um eben die Tür zu finden, die uns aus der Vergangenheit in die Zukunft führt. 

Erstaunlich, dass es dennoch immer wieder Menschen gibt, die mit dem Kopf durch die Wand wollen. Für mich sind das die Apologeten einer vergangenen Zeit, die intellektuell nicht loslassen können. Anders kann ich Head und Inhalt von „Wer Luxusautos verteufelt, riskiert Arbeitsplätze“ (2.11.2026, faz.net) nicht interpretieren. Und ich dachte, selbst die Marke mit dem Stern hat ihre Luxusstrategie schon längst wieder beerdigt?! Schon der erste Satz des Artikels ist mir unverständlich. „Deutschland könnte es helfen, wenn es mehr Wertschätzung gäbe gegenüber Luxusautos deutscher Marken.“ Was, bitte schön, hätte ganz Deutschland davon, wenn wir Deutschen diesen Dinos auf vier Rädern huldigen würden? Für mich stehen diese Autos für die Vergangenheit. Und auch der zweite Satz verursacht bei mir nur Fragezeichen. „Denn wenigstens die noblen Limousinen werden noch in deutschen Fabriken gebaut.“ Ich wusste gar nicht, dass die fast 700.000 Mitarbeiter in der deutschen Automobilindustrie nur mit dem Zusammenschrauben von Luxuskarossen beschäftigt sind. Und auch der dritte Satz irritiert mich zutiefst. „Dieser Luxus finanziert nicht nur deutsche Konzerne, sondern auch teure deutsche Arbeitsplätze.“ Wenn die Autokonzerne mit Klein- und Mittelklassewagen kein Geld verdienen können, dann hat das Top-Management der Unternehmen etwas falsch gemacht und nicht die Gesellschaft. Im Übrigen wird ein Großteil der Kosten von den Tarifvertragsparteien ausgehandelt und ist auch gesellschaftlich so gewollt. Nicht umsonst sprechen wir schon sehr lange vom Hochlohnstandort Deutschland. Völlig verwirrt hat mich am Ende die Aussage „Gegenüber ausländischen Kunden gilt es auch, den Nimbus der Autobahnen ohne Tempolimit zu erhalten.“ Na klar, genau deswegen verkaufen sich die Riesen-SUV in den USA auch besonders gut.

Gerade die industrielle Zukunft eines Landes ist kein blindes Fatum, sondern selbst gestaltetes Schicksal. Je weniger die Erfolge der Vergangenheit zur Ideologie werden, desto größter sind die Chancen der Innovierung. Finde die Tür!

Wer nur in den Kategorien der erfolgreichen Vergangenheit denkt, erklärt die Nostalgie zur Ideologie – und der Fortschritt verliert …