Sie ist eine angenehme Gesprächspartnerin. Schnell hat man den Eindruck, sie schon Jahre zu kennen. Ihre Fragen sind kritisch und zugleich konstruktiv. Und immer wird bei nicht erklärten Begrifflichkeiten von ihr nachgehakt. Die Rede ist von Claudia Lutschewitz, die mit ihrer Podcast-Reihe „Soziologische Perspektiven“ aktuelle Themen des Zeitgeschehens erörtert. Gestern (14.4.2026) sprachen wir beide angeregt über das Dreieck Kreativität – Politik – Gesellschaft. Wenn man sich derzeit anschaut, was für Figuren auf der politischen Bühne mal mit, mal ohne Drehbuch agieren, weiß man nie, ob es eine Tragödie, eine Komödie oder doch nur eine Soap Opera ist. Ich jedenfalls bin morgens glücklich, wenn ich nicht lesen muss, dass der Papst aus dem Vatikan gekidnappt wurde.
Unser Gespräch fand an einem Dienstag statt. Am Montag zuvor verkündete die Bundesregierung das große Entlastungspaket für den Bürger. In meinen Augen ist es alles, aber nicht kreativ. Interessant, dass die Spritpreise genauso subventioniert werden, wie es die doch angeblich so unfähige Ampel-Regierung gemacht hat. Ach ja, und dann dürfen die Unternehmen ihren Arbeitnehmern einmalig einen Riesen (1.000 Euro) steuerfrei zukommen lassen. Der Staat verzichtet hier auf Steuereinnahmen, die er sowieso nicht bekäme. Kreativität geht anders!
Am Mittwoch danach konnte man lesen „Spitzenökonomen legen Zehn-Punkte-Plan für Reformen vor“ (15.4.2026, handelsblatt.com). Donnerwetter, dachte ich. Da geht noch was … Der Entwurf dieser Reform-Agenda hatte eine Metaebene – Stichwort: Resilienz. Und eine Leitidee gab es auch noch: Um-Industrialisierung. Nach meinem Verständnis finden sich hier alles Ideen, die einen kreativen politischen Prozess in Gang bringen können – wenn es denn gewollt ist. Aber wissenschaftliche Expertise jenseits der ausgetretenen Trampelpfade hat es heutzutage in der Politik nicht leicht. So war doch zu lesen “Reiche-Ministerium bat Gaslobby um Argumente für Gaskraftwerke“ (15.4.2026, spiegel.de). Fehlender Einfallsreichtum? Tja, ich dachte immer, dass das Wirtschaftsministerium mit kompetenten Ministerialbeamten besetzt wäre. Und eigentlich will ich das immer noch glauben …
Gegen Ende unseres Gesprächs fragte mich Claudia Lutschewitz, was sich im politischen System meiner Meinung nach sofort ändern müsste. Ich denke, dass die Parteien aufhören müssen, nur noch ihrer Klientel aufs Maul zu schauen und daraus ihre Entscheidungen abzuleiten. Meines Erachtens fehlt es an ethischen und sozialen, ökologischen und liberalen Wertesystemen, die eine nachvollziehbare und transparente Grundlage für Programme sind und an denen sich auch wieder die Bürger orientieren können. Im Übrigen finde ich, dass die Parteien kreativ ausgeblutet sind. Es mangelt ihnen an Kreativität – sowohl ökonomisch als auch professionell, ebenso intellektuell und kollaborativ.
Der Podcast „Kreativität – Politik – Gesellschaft“ steht im Laufe der 17. KW online.

Street Art irgendwo in F-Straßburg.
