Auch wenn ich nicht besonders religiös bin, halte ich die Bibel für eine wichtige Orientierung des Menschen in der Gesellschaft. Jedenfalls habe ich als Kind gerne immer mal wieder die Bibel gelesen. Ich mochte die vielen Geschichten. Haben sie mir doch viel über die Menschen und das Menschsein erzählt. Vielleicht hat die Bibel sogar in mir das kritische Denken geweckt, weil ich nicht widerspruchslos alles hinnahm, was dort stand.
Gelernt habe ich durch die Bibel, dass es die zehn Gebote braucht, damit wir nicht zu selbstgerechten Egoisten werden. Die Metapher des Lebens nach dem Tod interpretiere ich als Aufforderung, den Folge-Generationen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen. Und die Schöpfungsgeschichte hat mir gezeigt, dass es einen Plan braucht, wenn man Besonderes schaffen will. Ob Gott die Schöpfung von Welt und Mensch gelungen ist, muss jeder für sich selbst beantworten. Jedenfalls zeugt die Schöpfungsgeschichte in meinen Augen von einem „Big Picture“, das der göttlichen „Sieben-Tage-Woche“ zugrunde lag. Und die Substanz des Ganzen wird durch das Wertesystem der christlichen Welt zusammengehalten.
Womit ich zum Hier und Jetzt komme. Wenn ich lese „China hat eine Vision der Modernisierung, Europa nicht“ (5.4.2026, faz.net), dann frage ich mich, warum uns ein solches „Big Picture“ der eigenen Zukunft fehlt. Haben doch eigentlich viele spirituelle Konzepte in säkularisierter Lesart den Glauben an einen gerechten Fortschritt und ein besseres Leben erzeugt. Wie kam es, dass uns das verloren gegangen ist?
Vor 15 Jahren war ich Sprecher auf der Tagung „Gott als Creative Director?“ der Evangelischen Akademie in Loccum. Vielleicht war der Tagungstitel eine steile These, aber die Idee der Kreativität als „göttliche“ Kraft im Individuum und als kollektiver Treiber scheint doch heute dringlicher denn je. Haben wir den Glauben an das Morgen verloren? Fehlt es uns an der verbindlichen Kraft eines gemeinsamen Wertesystems? Hat unser ubiquitärer Wohlstand unsere Überlebensinstinkte verkümmern lassen?
Zukunft braucht wieder ein positives Narrativ, das durch seine gesellschaftliche Relevanz produktiv werden kann. Eine Gesellschaft, die Kreativität nur als Freizeitvergnügen betrachtet, verschenkt nicht nur ihre Ressourcen, sondern auch ihre Zukunft.
Viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Wir müssen schleunigst unseren Ehrgeiz wiederfinden und unsere Freude an Visionen wecken, damit Veränderung nicht als Belastung, sondern als notwendiger Schritt in Richtung einer lebenswerten Zukunft gesehen wird.
Wir sollten nicht auf welchen Gott auch immer hoffen. Wir sollten wieder darauf vertrauen, dass wir die Gestalter unseres Schicksals sind. Deutschland respektive Europa wird sich zumindest in Teilen neu erfinden müssen und das sollte es selbstbestimmt tun. Politik sollte nicht nur auf Erhalt und Stabilität, sondern auch auf Dynamik und Erneuerung setzen. Kreativität wird zum gesellschaftlichen Postulat!

