Es war ein „Gänsehaut-Moment“, wie man ihn manchmal im Leben erfahren darf. Wir waren in Metz (F) und wollten uns das „Arsenal Jean-Marie Rausch“ anschauen. Das ehemalige Militärgebäude ist vom spanischen Architekten Ricardo Bofill (1939-2022) zur Musikhalle umgebaut worden. Der Grande Salle gehört angeblich zu den zwanzig schönsten Konzertsälen der Welt. Aber was dann kam, presste uns für mehr als 90 Minuten in die Sitze und fesselte unsere Aufmerksamkeit – Gustav Mahlers 2. Sinfonie (die sogenannte „Auferstehungssinfonie“). Selbst uns als musikalischen Laien wurde schnell klar, dass wir es hier mit einem Meisterwerk zu tun hatten. Es war ein unvergesslicher Konzert-Abend!
Gustav Mahler (1860-1911), begnadeter Dirigent und Komponist, wollte etwas Neues schaffen und das Musiktheater revolutionieren. Was ihm spätestens mit der 2. Sinfonie auch gelang – obwohl diese Innovation nicht gleich überall tosenden Applaus erntete, sondern zunächst auch Häme.
Warum dieser Prolog? Weil ich gerade den Gastkommentar „Warum Europa mehr Zukunftskompetenz braucht“ (5.8.2026, handelsblatt.com) gelesen habe. Die beiden Autoren sind Nadine Schön und Robert Peters. Im Grunde kann ich allem, was sie schreiben, vorbehaltlos zustimmen. Wenn ich denn etwas „bemeckern“ würde, dann ist es diese Form der „Gemütlichkeit“, die vielen Texten (oft auch den meinen!) anhaftet. Sie sind in der Sache korrekt, im Ton moderat und gut fürs eigene Veröffentlichungsverzeichnis. Aber: Sie sind ohne spitze Ecken und scharfe Kanten, treten keinem auf die Füße und haben deswegen diesen Charme der freundlichen Unverbindlichkeit. Gustav Mahler brach in seinem Werk immer wieder heftig mit den geltenden Konventionen und wurde dadurch angreifbar. Der Anspruch seiner Kreativität wurde von den Risiken der Ablehnung getragen – seine Musik ist alles andere als gemütlich!
Für mich liegt die Brisanz solcher Kommentare im Nicht-Gesagten, im Subtext der Höflichkeit einer vermiedenen Konfrontation. Ich denke, es ist an der Zeit, dass solche Texte einen definierten Adressaten bekommen. Ansonsten bleiben sie in ihrer Abstraktheit machtlos. Ja, Europa braucht mehr Zukunftskompetenz. Ganz unbestritten! Aber wer ist mit „Europa“ gemeint? Die EU? Frau von der Leyen? Die nationalen Regierungen? Oder deren Chefs? Oder wie in unserem föderalen System die Ministerpräsidenten der Länder? Vielleicht nur die Bildungsministerien? Wer hat die Schlüsselgewalt für das Design von Zukunftskompetenzen? Und wieso wurde und wird davon kein Gebrauch gemacht? Schaffen wir es nicht, „Ross und Reiter“ zu nennen, wird sich kein Mensch bewegen, weil sich keiner verantwortlich und angesprochen fühlt. Wir müssen direkter werden!
Wenn Europa nicht eine einzige große Dauer-Baustelle werden will, darf Zukunft nicht zum politisch-medialen Buzzword verkommen. Die Inkompetenz der Gegenwart muss angeklagt und die Kompetenz für Zukunft eingeklagt werden. Wir müssen es in den Schaltstellen ungemütlich machen …

