Ohne neue Leitidee siegt der Selbstbetrug

Lasst uns mal wieder übers Leben reden …

Ja, und zwar über das Leben, das man mit dem bald 120 Jahre alten und immer noch sehr beliebten Gesellschaftsspiel „Mensch-ärgere-dich-nicht“ vergleichen kann. Ich habe es schon mit jeder Farbe bei den Spielfiguren probiert, aber keine ist ein verlässlicher Gewinnertyp. Und aus irgendeinem Grund will bei uns keiner mehr mit den Blauen spielen. Dummerweise sind jetzt auch noch alle gelben Spielfiguren verschwunden. Aber auf die Überparteilichkeit der Würfel ist Verlass – die machen selten, was sie sollen. Jeder hofft auf eine tolle Konstellation für ihn selbst und muss doch mit dem zufrieden sein, was der Zufall für ihn bereithält. Gefühlt gewinnen immer die anderen!

Dieses Gefühl scheint mir den aktuellen Zustand unserer Gesellschaft zu beschreiben. Zwar erinnert unsere aktuelle Politik in manchen Punkten an „Mensch-ärgere-dich-nicht“, ist aber eben kein Spiel, sondern kann mit ganz realen Verlusten bei Wohlstand und Lebensqualität des Einzelnen enden. Muss nicht, aber kann! Und kommt es so weit, haben wir tatsächlich guten Grund, uns zu ärgern …

Im Gegensatz zum Spiel mit seinen überschaubaren Regeln ist das Leben ungleich komplizierter, voller überraschender Wendungen und unvorhersehbarer Herausforderungen. Anders als das Gesellschaftsspiel hat das Leben keine Spielanleitung mit klaren, einfachen Regeln. Mindestens einer spielt immer nach seinen eigenen Regeln und sorgt für Chaos. Ob es einem gefällt oder nicht, man muss sich auf veränderte Realitäten einstellen und einen eigenen Plan entwickeln. Alles andere endet in Selbstbetrug. So müssen wir uns davon verabschieden, dass die Automobilindustrie das Flaggschiff der deutschen Wirtschaft auf ewig bleibt. Ein Um- und Neudenken in Politik und Unternehmen ist zwingend erforderlich. 

Was passiert, wenn man sich den veränderten Realitäten nicht anpasst, lässt sich gut in Trumps Amerika beobachten. Die Schockstarre der Demokraten in den USA ist nur ein Zeichen der Unfähigkeit, seine Denkweise, seine Strategie und seinen Operationsmodus neu zu generieren. Und so wird wertvolle Zeit verloren und der Vorsprung der anderen ist nicht mehr aufzuholen.

Wer also beispielsweise als Partei in Regierungsverantwortung nicht von der Bildfläche Deutschlands verschwinden will, muss eine Zukunft antizipieren, die diesem Land und seinen WählerInnen eine motivierende Perspektive bietet. Dazu gehören zentrale Leitideen für das Konzept einer neuen Industriepolitik, die Zukunftsfelder für Wertschöpfung und Wohlstand definiert. Eine solche Leitidee müsste mit einer Neuorientierung der Bildungspolitik eng vernetzt werden. Eine verzahnte Offensive braucht es, die letztlich die wirtschaftlichen Grundlagen für den Erhalt der Sozialpolitik sichert. 

Wir können uns kein weiteres Festhalten am Gewohnten und Bequemen leisten. Wir müssen den Mut haben, auch neue Leitideen für das komplexe Ganze zu entwickeln.

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