Es nervt! Es stresst! Es entmündigt!

Früher gab es im Industrial Design den Begriff des „sich selbsterklärenden Produkts“. Damit war eine Form von Funktionalität gemeint, die sich seinem Benutzer sehr schnell durch eine kurze Interaktion verständlich macht – ihm quasi kommuniziert: „So funktioniere ich und jetzt kannst du mit mir arbeiten.“ Eine solche Nützlichkeit zeigte sich unter anderem bei medizinischen Geräten, wenn beispielsweise in Notsituationen ein Anästhesist schnell und richtig reagieren muss. Das Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine kann hier über Leben entscheiden. Bei Produktkategorien mit spielerischen Elementen hat das sicherlich nicht die Priorität, da kann ein sofortiges Verstehen der Funktionsweise kontraproduktiv sein. Aber im Auto hört der Spaß auf …

Wenn also beklagt wird: „Autos werden laut ADAC immer schwerer zu bedienen“ (28.1.2026, zeit.de), dann ist damit ein Rückschritt gemeint, der sich als Fortschritt ausgibt. Mit einem Wort – verschlimmbessert! Originalton ADAC: „In der Folge steigt die Ablenkung und damit das Unfallrisiko“. Gemeint ist, dass durch die Verdichtung und Konzentration von Bedienfunktionen auf einen Monitor die Konzentration des Fahrers bzw. der Fahrerin auf den Straßenverkehr absorbiert wird. Funfact: Mein Auto warnt mich zum Start immer vor sich selbst!

Beim Auto hat sich eine Fehlentwicklung ergeben, die auch die inzwischen berüchtigten „Assistenzsysteme“ betrifft. Ständig piept und quietscht irgendetwas, um den Fahrer zu warnen. Was aber nur dazu führt, dass viele FahrerInnen nur noch gestresst von diesem Alarmismus sind. Und häufig reagieren diese Signale auch ohne ersichtlichen Grund. Es nervt! Und ich fühle mich entmündigt!

Ob nun das Design an dieser Freak-Show des technischen Wunderlands schuld ist, das Marketing oder die Entwickler, weiß nur die Autoindustrie selbst. Jedenfalls haben die DesignerInnen es nicht verhindert. Aber sie hätten es besser wissen können, wenn es denn ein Grundlagenwissen in Ergonomie oder Arbeitswissenschaft im Studium gegeben hätte. Vielleicht ist da auch etwas vom Berufsethos verloren gegangen. Ich habe schon lange nicht mehr gelesen, dass sich DesignerInnen als Anwalt der Verbraucher verstehen. 

Auto und Design – Zeit für eine Neubewertung? Zumindest sollten sich die Autobauer und die DesignerInnen über einen zukunftsfähigen Fokus von Produktinnovationen verständigen. Erst jeder für sich und dann beide gemeinsam. Und da beide international agieren, muss hier sehr weit über den lokalen Tellerrand hinausgeschaut werden. Insbesondere fürs Design wünsche ich mir ein professionelles Selbstverständnis, das weit über formal-ästhetische Kompetenzen geht und auch wieder eine gesellschaftsrelevante Haltung erkennen lässt. Dem Profil eines progressiven Selbstverständnisses folgt ein starkes Selbstbewusstsein, das es braucht, um die artifizielle Welt neu zu erfinden. Ohne die Selbstwirksamkeit der DesignerInnen wird das aber nichts …

Auto und Design – bei Bedienmonitoren und Assistenzsystemen sollte „Less is more“ gelten. Viel hilft nicht viel – sondern nervt, stresst und entmündigt. Hier ist eine technische Entwicklung aus dem Ruder gelaufen …