Als Kind strapazierte ich ausgiebig mein Fahrrad. Immer wenn mein Opa meinen Drahtesel wieder repariert hatte und mich mit seinen technisch-handwerklichen Fähigkeiten beeindruckte, sagte er: „Junge, dumm kannste sein, du musst dir nur zu helfen wissen.“ Damit wollte er mir sagen, dass auch ich lernen kann, wie man scheinbar unlösbare Probleme doch zu einer Lösung bringt. Ich habe es leider nie zu seiner Leistung geschafft – die Fahrräder meiner Kinder wurden in Werkstätten repariert. Was mich zur Überzeugung führte, dass die Lösung eines Problems nicht im Problem zu suchen ist, sondern im Kopf des Problemlösers. Und da jeder Kopf so seinen Eigensinn hat, sind bei gleicher Problemlage die Lösungen doch immer anders. Was ich in den Projekten mit Studierenden auch immer wieder erfuhr – jeder interpretiert dasselbe Problem anders und kommt deswegen auch zu völlig unterschiedlichen Herangehensweisen und zu differenzierten Antworten.
In meiner Lehre war dieses Credo stets Leitlinie. Design als Profession und als Phänomen, aber auch die Persönlichkeiten und die Performance von DesignerInnen standen im Mittelpunkt. Ist es doch die Melange aus der kreativ-wissenschaftlichen Disziplin und der Potenzialität des jeweiligen Menschen, die den Protagonisten des Problemlösungsprozesses formt. Basis ist die individuelle Kreativität, deren universale Kraft die materielle, aber auch die immaterielle Dimension verantwortet. Die Idee braucht die Implementation, um zur Innovation zu werden. Mir ging es darum, den Studierenden zu verdeutlichen, dass ihr Wissen das eine, aber ihr Wollen etwas anderes ist – und je nach Situation kann letzteres sogar wichtiger sein. Ich denke, dass ist das, was mein Opa mit „sich-zu-helfen-wissen“ meinte …
Vielleicht könnte sogar die aktuelle Politik von meinem Opa lernen?! Kreativität als politischer Wille ist leider wenig spürbar und das vor dem Hintergrund einer Weltordnung, die sich gerade neu organisiert. Über die Frage: „Warum müssen Politiker kreativ sein?“ spricht daher nicht zufällig Claudia Lutschewitz mit mir in ihrem Podcast „Soziologische Perspektiven“.
Warum sind die Anforderungen an die Kreativität der Politik so hoch? Neue geopolitische Konstellationen und neue geoökonomische Paradigmen entwickeln sich, die ganz sicher neue Gewinner, aber auch Verlierer hervorbringen. Und bei der letzten Gruppe werden sich ehemalige Gewinner wiederfinden. Mit ihren konventionellen Lösungen treffen sie nicht das Wesen neuartiger Problemstellungen und fallen immer weiter zurück. In den etablierten Parteien mit ihren festgefahrenen Ritualen scheint Ratlosigkeit zu herrschen. Hinzu kommt die Angst vor Bedeutungslosigkeit, gefüttert von sinkenden Umfragewerten.
Was wir dringend brauchen, sind PolitikerInnen mit dem Mut, Zukunft zu modellieren und Geschichte zu schreiben, statt ihr nur hinterherzulaufen. Meinem Opa hätte das gefallen …

