Zukunft – nicht nur für Exoten!

Wo bleiben die aufregenden Ideen, wo die kühnen Visionen für die Hochschulen der Zukunft? Immerhin sind sie das Herz unserer Wissensgesellschaft, verantwortlich für deren zentralen Produktionsfaktor. Wissen entscheidet über die Mehrung des gesellschaftlichen Wohlstands. Und Wissen ist schon längst kein Exklusivartikel mehr. Was früher dem Nachwuchs einer kleinen Elite vorbehalten war, steht heute der Majorität offen. So vervielfachte sich die Studierendenquote seit den 1960er Jahren von neun auf heute rund 60 Prozent. Studieren ist universeller Bildungsweg. 

Man sollte meinen, dass um die Zukunft von Hochschulen ein emsiges Kräfteringen in Gang ist. Doch weit gefehlt. Sowohl inner- als auch außerhalb dieser Institution läuft „business as usual“. Das in der FAZ beschriebene Beispiel gilt als „Exot“. Dabei haben Hochschulen in der Vergangenheit viel geleistet. Auf dem Weg vom elitären zum universellen System ist die Studierendenschaft zahlreicher, aber auch immer heterogener in ihren sozialen Herkünften, Biographien, beruflichen Zielen geworden. Mit der Bologna-Reform haben sich Hochschulen europäischen Standards angepasst und neue Strukturen entwickelt. Jetzt gilt es, auch die Zukunft aktiv in die eigenen Hände zu nehmen.

Doch dafür müsste sich das Management von Hochschulen stärker professionalisieren und die Reste ihrer alten Identität endgültig abschütteln. Diese stammen aus der Zeit, als Hochschulen der politischen Detailsteuerung unterworfen waren und Entwicklung aus eigener Kraft fast unmöglich war. Heute haben sich die Entscheidungs- und Handlungsspielräume deutlich erweitert, die Politik hat sich zum großen Teil zurückgezogen. Aber Untersuchungen zeigen, dass Hochschulleitungen nur mit gebremster Kraft diese neuen Entwicklungsräume nutzen. Chancen der Differenzierung und Profilierung werden vertan. Oft bleiben Hochschulen im unauffälligen Mittelfeld. Sie schwimmen im Strom neuer Vorgaben und Ansprüche ihres Umfelds mit, die zwar formal umgesetzt werden, in der breiten Hochschulpraxis aber oft folgenlos bleiben. Das Pflichtprogramm wird brav erfüllt, aber darüber hinaus? Eigene ambitionierte Ziele, hochfliegende Pläne oder gar ein programmatisches Bild der eigenen Zukunft? Eher selten. Gerade die Ebene der Fakultäten bleibt meist recht blass. Dabei sind sie es, die entscheidende Akzente setzen könnten – etwa mit der Modernisierung der Curricula, der Entwicklung neuer Studienkonzepte, der Anpassung didaktischer Formate. Auch die Umsetzung des Employability-Ziels gehört dazu. Ein für Hochschulen wichtiger Schritt, um auf die studentische Vielfalt und zugleich auf die gewandelte Arbeitswelt zu reagieren (vgl. Kern 2020). 

Statt weiter unter dem Radar der gesellschaftlichen Wahrnehmung zu fliegen, sollten Hochschulen zum gesellschaftlichen Schrittmacher für Innovation und Transformation werden. Zukunft – nicht nur für Exoten!

https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/mit-der-universitaet-in-die-zukunft-19034397.html

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