Lieber Denkfabrik als Reparaturbetrieb!

Die Frage, was mein prioritäres Projekt als fiktiver Kanzler dieser Republik wäre, habe ich brav und ehrlich beantwortet. Ich wurde nicht gefragt, ob ich überhaupt Kanzler werden möchte. Das allerdings hätte ich spontan verneint. Meine Motivation zur Absage wäre nicht Bescheidenheit, sondern die Angst, als Tiger zu starten, dann erlegt zu werden und schließlich bei „Dinner for one“ ständig vom betrunkenen Butler getreten zu werden. Ja, man kommt ins Fernsehen, aber um welchen Preis?

Klaus Kofler (Future Design Akademie) und ich kommen nicht ins Fernsehen, aber demnächst zu einem Podcast auf Einladung von Claudia Lutschewitz (Servant Politics). Unser Arbeitsthema lautet: „Politisches Zukunftsdesign“ und soll ein wenig Licht ins Dickicht zwischen Wollen und Sollen, zwischen Reden und Hören, zwischen Wissen und Fühlen bringen. Um Zukunft zu gestalten, muss man Gegenwart kennen und können, aber die ist derzeit wegen ihrer Komplexität schon sehr anstrengend.

Unsere Ausgangsthese für die Diskussion ist, dass die derzeitige Politik der Bundesrepublik Deutschland eher ein Reparaturbetrieb ist als Denkfabrik. Die Politik ist Problemlöser nur im Bereich der akuten Herausforderungen. Sie versucht, die Störungen im System zu beheben, ohne die Zukunftsfähigkeit des Systems zu hinterfragen und notwendigerweise zu innovieren. Die Kürzung der Subventionen bei den Bauern wird nach Protesten korrigiert, ohne hier grundsätzlicher zu agieren. Die Infrastruktur der Bahn lässt schon seit Jahren zu wünschen übrig. Jetzt greifen auch noch Sparpläne beim Schienenverkehr. Wir wissen, wie viele LehrerInnen an den Schulen fehlen, aber politisch gibt es keine Lösungsstrategien. Die Liste der Merkwürdigkeiten im Sinne eines Zukunftsdesign ließe sich deutlich verlängern. 

Um ein Zukunftsdesign für eine Gesellschaft wie die unsere überhaupt auf die Gleise zu schieben, braucht es eine politische Idee. Ausgangspunkt eines jeden „Big Pictures“ ist die formatfüllende Idee einer politischen Utopie. Ich denke, es braucht so etwas wie mehrere Bebauungs- und Masterpläne, wie sich Demokratie und Zivilgesellschaft, aber auch Wirtschaft und Wissenschaft verändern könnten. Hierfür braucht es die Kultur von Thinktanks, die sich die Bilder und Begriffe aus der Zukunft holen und für die Gegenwart vorstellbar und „zum Anfassen“ machen. Dabei denke ich an ein System von Thinktanks, die flächendeckend in Deutschland temporär implementiert sind und die sowohl auf lokaler und regionaler als auch auf nationaler und internationaler Ebene Szenarien der Transformation entwerfen. Nach meiner Einschätzung müsste es genügend kreatives Potenzial in Deutschland dafür geben. Ein solches Konzept kann aus vielen Gründen scheitern, aber ganz sicher nicht aus Mangel an intelligenten Menschen – und im Übrigen auch nicht aus Geldmangel! 

Vielleicht wird eines Tages die Fähigkeit „Zukunft designen“ überlebenswichtig?

Bildquelle: Eigenes Bild