Von Schrittmachern und Bremsern 

Junge Talente händeringend gesucht. Dieser Tenor durchzieht das Handelsblatt-Spezial zum Thema „Weiterbildung / MBA“ (4./5./6.8.23). Es geht um Grundfragen der radikal veränderten Arbeitswelt: Wie reagieren Unternehmen, wenn akademischer Nachwuchs immer anspruchsvoller wird, vor allem bei der Sinnhaftigkeit von Jobs? Wie gehen Personalverantwortliche vor, wenn formale Abschlüsse an Wert verlieren und individuelle Kompetenzen wichtiger werden? Und wie richten Hochschule ihre Curricula aus, wenn keiner weiß, wie in fünf Jahren Berufe und geforderte Fähigkeiten aussehen?

An der Schnittstelle zwischen Bildungs- und Arbeitsmarkt, zwischen individuellen und organisationalen Ansprüchen zeigt sich, wie gut gesellschaftliche Teilsysteme ineinandergreifen. Dass es derzeit ziemlich oft knirscht – qualifizierte BewerberInnen Mangelware sind oder Jobeinstiege misslingen –, liegt auch oft daran, dass Hochschulen ihre Employability-Aufgabe ignorieren. Als ich zu dem Thema forschte (Kern 2020: 40ff.), untersuchte ich, wie Studierende, Unternehmen und Hochschullehrende zur Berufsrelevanz stehen. Basis waren empirische Befunde, vor allem Befragungen zu den Aspekten einer zukunftssicheren Employability. Hierzu zählen Praxisbezüge, aber auch Forschungs- und Innovationsorientierung sowie die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen. Denn Employability meint nicht Praxis im Sinne sich wiederholender Aufgaben und wiederkehrender Lösungsmuster, sondern Kompetenzentwicklung für die Bewältigung neuartiger, komplexer, oft unscharfer Probleme.  

Ernüchternde Ergebnisse: Studierende an Universitäten wie auch an Fachhochschulen beklagten geringe Praxiseinblicke, ebenso zu wenig Forschungsorientierung. Schlüsselkompetenzen blieben weit hinter der fachwissenschaftlichen Entwicklung zurück. Noch negativer fiel die Einschätzung nach dem Jobeinstieg aus. Die Studieninhalte hatten offenbar wenig auf die Anforderungen der Praxis vorbereitet. Spiegelbildlich hierzu kritisierten Unternehmen die unterentwickelten methodischen und personalen Kompetenzen ihrer Berufseinsteiger und forderten mehr kreative, innovationsförderliche und sozial-emotionale Kompetenzen. Bei den Lehrenden dagegen zeigten sich große Vorbehalte gegen das Employability-Konzept und gegen Abweichungen vom traditionellen Hochschulverständnis. Dies galt für Universitäten, aber auch für Fachhochschulen – trotz ihres Etiketts der Anwendungsorientierung. Man könnte hier von Bremsern sprechen. Auch wenn die Befunde wenige Jahre alt sind, dürften diese kläglichen Ergebnisse heute kaum besser ausfallen – und das angesichts neuartiger dramatischer Problemlagen.

Aber es gibt auch Signale der Hoffnung. So gibt es die eine oder andere Hochschule, die ihre Konzepte angepasst haben. Offenbar mit höchst positiver Resonanz. „Sie reißen uns die Bachelors aus den Händen“, wird der WHU-Vize Jürgen Weigand in der HB-Ausgabe zitiert. Ob einem solchen Schrittmacher wohl andere Hochschulen folgen …?

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